Genuine Teppiche, Kelims
und moderne Kunst

Aus einer freien natürlichen Lebensweise sind genuine Teppiche und Kelims unbeeinflusst von bürgerlicher Zivilisation entstanden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen und höfischen Werkstatt-Teppichen wurden sie abseits der Städte und Straßen in archaischen Landschaften und Dörfern von Nomaden und einfachen Bewohnern gefertigt. Diese Menschen führten einen Existenzkampf mit den Naturgesetzen und Naturgewalten, den sie täglich zu bestehen hatten. Aus dieser abhängigen Naturverbundenheit entwickelten sie im Laufe vieler Generationen ein naturidentisches und mystisch-religiöses Selbstverständnis, das ihnen auch später, als Muslime gegenwärtig blieb. Dieses Selbstverständnis, ihr Wissen um die Welt, wie sie von ihnen wahrgenommen wurde, beherrschten ihre Gestaltungsthemen. Flachgewebe, Kelims, Knüpfteppiche waren ihr Medium. Wolle für deren Fertigung war immer vorhanden.

Da von außen kein einwirkendes Reglement ihre schöpferische Freiheit behinderte, wurden Material, Form, Muster und Farbe nach eigenen Bedürfnissen und gestalterischem Verständnis eingesetzt. Sie erlangten eine eigene abstrakte Formensprache mit expressiver Ausdruckstärke und ihr künstlerisches Schaffen entwickelte sich in genuiner Eigenständigkeit.

Die Gestaltung dieser genuinen Teppiche und Kelims beruht auf den Erkenntnissen des Lebens ihrer Hersteller, sie haben daher den Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Diesen Anspruch auf Wahrhaftigkeit erhebt auch die moderne Kunst, da sie sich von den Normen der Wirklichkeitswiedergabe und jeglichem gesellschaftlichen Konservatismus vergangener Jahrhunderte befreit hat.

In ihrem Bemühen, eine eigene subjektive Ausdrucksstärke zu finden, haben moderne Künstler einen Weg beschritten, der sie ganz nahe an die Kunst archaischer Völker und Stammesgruppen herangeführt hat. Parallelen sind unverkennbar!
Mit diesem modernen Kunstverständnis, ab dem späten 19. Jahrhundert, haben die modernen Künstler die parallele künstlerische Kraft genuiner Teppiche und Kelims entdeckt (wiederentdeckt) und in ihnen Anregungen und Sicherheit für ihr eigenes Schaffen gefunden. Diese neue subjektive Ausdrucksstärke hat die moderne Kunst zu immer größer werdenden Freiheit geführt, die nur noch sich selbst zum Ziel hat.

Moderne Kunst und die genuine Teppiche und Kelims der asiatischen, orientalischen Nomaden, wollen nicht Wirklichkeit widerspiegeln, sondern sind Wirklichkeit. Material und Technik ist bei beiden gleichermaßen Teil der künstlerischen Darstellung. Um einen inneren Zugang zu finden, ist der Betrachter in beiden Fällen angehalten sich mit dem Gegenstand auseinander zu setzen. Dem Betrachter obliegt es mit seiner Wahrnehmung einen persönlichen Sinnzusammenhang herzustellen, wodurch es ihm gelingt zu dem betrachteten Gegenstand eine persönliche Einstellung zu gewinnen.

Hier gilt für moderne Kunst und ebenso für genuine Kelims und Teppiche der gleiche Grundsatz. Kunstwerke setzen eine kognitive und sinnliche Aneignung der Welt voraus. Die Aneignung geschieht, in dem die Welt wahrgenommen, gedeutet und gestaltet wird.

So wie die Nomaden mit Ihren Kelims und Teppichen lebten und leben, haben sie mit den modernen Künstler das gemeinsameZiel,                                     "Leben und Kunst sollen Eins sein".

Cornelius W. Bäumer