Genuine Stammeskunst aus Afrika und Asien

Afrikanische Stammesarbeiten und asiatische Nomaden-Kelims und -Teppiche.

Das verbindende Element dieser, in ihren Materialien so unterschiedlichen Objekte, ist das vergleichbare genuine Umfeld, die naturabhängige Lebensweise und das parallele spirituelle Weltbild ihrer Hersteller.

Die genuine Kunst Schwarzafrikas und Asiens hat sich bei den archaischen Nomadenvölkern und Nomadenstämmen gleichermaßen aus diesem naturidentischen, spirituellen Weltbild über Jahrtausende entwickelt.

Diese naturabhängigen Menschen führten einen harten Existenzkampf, den sie täglich mit den von guten und bösen Geistern beherrschten Naturgewalten zu bestehen hatten.

Aus dieser abhängigen Naturverbundenheit entwickelten sie in alter Zeit ein mystisch-naturreligiöses Selbstverständnis, das ihnen auch nach Übernahme fremder Religionen erhalten blieb und von Generation zu Generation überliefert und authentisch gelebt wurde.

Dieses Wissen um die Welt, wie sie von Ihnen wahrgenommen wurde, bildete die Inhalte ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrer Kunst schufen sie eine Brücke zwischen ihrer Existenz, der realen Welt und dem Übersinnlichen. Material, Form, Ornament und Farbe wurden symbolisch in eine eigene Formensprache umgesetzt, in der sich die praktischen, kultischen und religiösen Dinge des täglichen Lebens widerspiegelten.

Die expressive Kunst Schwarzafrikas begeisterte schon früh die Künstler der klassischen Moderne. Masken, wie aus Picassos kubistischer Periode, Skulpturen und Gesichter von Barlach, Köpfe mit reduzierter Physiognomie, wie Jawlensky sie malte, weisen unverkennbar auf den Einfluss schwarzafrikanischer Kunst hin.

Spannend sind die Geschichten, die etwas über die ursprünglichen Funktionen der Objekte erzählen. Da gibt es beispielsweise Feuermeldemasken von der Elfenbeinküste, die nur der schnellste Läufer des Dorfes tragen durfte. In der Trockenzeit kontrollierte er die Herdfeuer der Familien, um Bränden vorzubeugen.

Fetische in Mensch- oder Tiergestalt wurden mit Tierblut und Speisen „beopfert“, um sich das Wohlwollen der Geister zu sichern. Auf vielen uns  bekannten Objekten sind heute noch Reste dieser Rituale zu erkennen.

Ebenso kraftvoll offenbaren sich die Teppiche und Kelims der asiatischen Nomaden. In ihrem Bedürfnis nach Schutz vor den Naturgewalten, bösen Geistern, wilden Tieren und auch feindlichen Stämmen, fügten sie zahlreiche Schutzsymbole und geheime Talismane ein. Es kommt vor, dass ein einzelnes Schutzsymbol die gesamte Komposition eines Kelims beherrscht: Eine zentrale Kreisfläche als magisches Auge bildet das Zentrum, breite Ringe umlagern es  flächenfüllend und verstärken, zusätzlich mit starken Farben versehen, die magische Wirkung. So entstand ein wirkungsvoller Schutzteppich und ein beeindruckendes Kunstwerk.

Diese genuinen Kelims haben mit ihrer abstrakten und expressiven Ausdrucksstärke ebenfalls moderne Künstler beeinflusst. Von Paul Klee wissen wir, dass er sich mit Nomadenteppichen auseinander gesetzt hat. In vielen seiner Bilder finden sich Mustersymbole und Gestaltungsvarianten wieder, die aus alten Nomadenkelims bekannt sind und die schon seit undenklichen Zeiten bei den Nomaden ihre Heimat hatten, bevor Klee sie uns näher brachte. Henry Matisse, der, mit einigen anderen Künstlern seiner Zeit, ebenfalls archaische Stammeskunst als parallele Kraft zur modernen Kunst erkannte, empfahl seinen Schülern immer wieder das Studium genuiner Kelims und Teppiche.

Die Nomadenvölker Schwarzafrikas und Asiens machten keinen Unterschied zwischen der realen und der übersinnlichen Welt. Da beides miteinander verbunden war, war auch ihre Kunst, die Masken und Kultfiguren der Einen und die Kelims und Teppiche der Anderen, eingebunden in den täglichen Lebensrhythmus. 

Auf den Betrachter wirkt die Stammeskunst afrikanischer und asiatischer Nomaden direkt, sie behauptet sich mit klarem Ausdruck und kraftvoller Präsenz.
Sehen und lesen hierzu auch unter Archiv: unsere Ausstellung
Afrika und Asien.

Cornelius Bäumer

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